„was war“
Ausstellung in elf Kapiteln

Die naturräumlichen Gegebenheiten der Steiermark haben seit Anbeginn das Leben der hier ansässigen Menschen bestimmt. Diese haben umgekehrt schon immer versucht, die Natur zu ihrem Vorteil zu gestalten und zu verändern. 11 spannende Ausstellungskapitel laden ein zu einer Wanderung durch die steirischen Regionen. Modelle, Originalobjekte, Interviews und Karten verschränken dabei Zeit und Raum zu einem abwechslungsreichen Ausstellungserlebnis.

Projektleitung: Bettina Habsburg-Lothringen
Kuratiert von Ulrich Becker, Walter Feldbacher und Bettina Habsburg-Lothringen
Ausstellungsdesign: INNOCAD

Rahmenprogramm: Zeitreisen

Die Anfänge:
frühe Besiedelung

60.000 Jahre. So lange dauert die Steinzeit – der längste Abschnitt der steirischen Geschichte. Etwa 90 % dieser Zeitspanne leben Neandertaler und Homo sapiens hauptsächlich in Höhlen. Und sie leben von dem, was die Natur ihnen bietet. Als die Menschen sesshaft werden, fangen sie an, ihr Umfeld zu verändern. Wo es die natürlichen Gegebenheiten erlauben, errichten sie Häuser und Siedlungen, sie legen Felder an und verarbeiten Metalle.

Klimatische Veränderungen setzen die Menschen in Bewegung. Mit ihrer wachsenden Zahl beginnen sie, sich als Gesellschaften zu organisieren. Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert ist die Steiermark Teil des römischen Weltreichs, begleitet von einem Innovationsschub innerhalb weniger Jahrzehnte. In der ausgehenden Antike setzt die Christianisierung ein.

Den Überblick bewahren:
die Burgenlandschaft westlich der Mur

Um das Reich nach Osten hin abzuschirmen, entstehen in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts mehrere sog. Grenzmarken, so auch die „Mark an der Mur“oder „Karantanermark“. Ihr Kerngebiet umfasst weite Teil der heutigen Weststeiermark. Ihre Grenzen ergeben sich aus der Topografie und werden durch Murlauf, Almen, Bergland und Höhenzüge markiert.

Dieses Land wird nun vom König neu vergeben und einem Markgrafen überantwortet. Er muss sich im Kriegsfall auf seine Gefolgsleute verlassen können. Dafür entlohnt er sie mit Grundbesitz, besonderen Rechten und Privilegien. Noch bevor im Hochmittelalter die große Zeit des Burgenbaus einsetzt, entsteht so eine regelrechte Kette von Befestigungswerken.

Plandörfer in der südöstlichen Steiermark

Von der Weststeiermark führt der Weg hinüber ins untere Murtal und hin zu einer Reihe von Dörfern, die im Mittelalter entstehen. Das Wachsen der Bevölkerung, Verbesserungen in der Agrartechnik und gute Ernteerträge befördern eine planmäßige Landnahme. Verantwortlich dafür sind die Grundherren, die im Sinne eines optimierten Wirtschaftens dazu übergehen, ihre Untertanen dort anzusiedeln, wo geeignete Ackerflächen und Weiden zur Verfügung stehen.

Um 1300 ist das Dörfernetz weitgehend gespannt, ehe es im 14. und 15. Jahrhundert zur Verödung ganzer Landstriche kommt. Klimaveränderungen und Fehden, Naturkatastrophen und schließlich die Pest führen dazu, dass Höfe sowie ganze Dörfer von der Steiermark-Karte wieder verschwinden.

Mittelalterliche Märkte und Städte in der Obersteiermark

Mit der Nennung Judenburgs als Handelsniederlassung im frühen 12. Jahrhundert setzt in der Steiermark die planmäßige Förderung von Marktorten ein. Ab 1224 entstehen in nur knapp 100 Jahren die Städte der Obersteiermark – von Kirchtürmen überragt, mit Mauern umgürtet, dicht gebaut, heben sie sich fortan als kompakte Silhouette aus dem umgebenden Land heraus.

Städte liegen an Flüssen und wichtigen Handelsrouten, an Straßenknotenpunkten und Brücken, an den neuen Zentren des aufblühenden Bergbaus. Handel und Gewerbe besetzen den Raum und sind auf natürliche Ressourcen wie etwa das Wasser der Mur angewiesen. Erworbener Wohlstand will geschützt werden: Die Landesfürsten ermöglichen mit großzügig vergebenen Privilegien, dass die Bürger ihre Städte befestigen.

Welt des Glaubens:
Klöster und Pfarren

Für die mittelalterlichen Menschen steht die irdische Welt in Bezug zu einer größeren: Zugang zu dieser göttlichen Welt stellt die katholische Kirche in Aussicht. Über den ganzen Kontinent hinweg entspannt die Kirche ein Netzwerk, das den Austausch von Wissen über alle politischen Grenzen hinweg möglich macht.

Auf dem Gebiet der mittelalterlichen Steiermark ist die Kirche durch zahlreiche Klöster präsent. Diese sind ihrerseits durch grundherrschaftlichen Besitz, Gutshöfe und Niederlassungen in den Städten im ganzen Land vertreten. Ihr räumliches Umfeld verändern die Klöster nachhaltig durch Rodungen und landwirtschaftliche Erschließungen. Schließlich bilden die Klosteranlagen sowie die Pfarr- und Wallfahrtskirchen funktionale Architekturen und atmosphärische Räume, die unter anderem durch Musik geprägt sind.

Neuzeitlicher Machtraum:
die Grazer Burg

Kirchliche und weltliche Macht drückt sich in Gestalt imposanter Bauten aus. Am sichtbarsten wird dies mit der Grazer Burg am Rand der historischen Stadt, die im 15. und 16. Jahrhundert zur fürstlichen Residenz ausgebaut wird. Seit Jahrhunderten ist Graz Regierungs- und Verwaltungszentrum.

In der Neuzeit residiert hier ein Angehöriger des Hauses Habsburg, der im Kleinen seine Macht im städtischen Raum ausübt: Von der Residenz aus erstreckt sich sein Netz bis hin zum Landhaus und zu den repräsentativen Wohnsitzen der tonangebenden Familien. Im Großen wird von hier aus die gesamte habsburgische Ländergruppe „Innerösterreich“ regiert: ein politischer Raum und Herrschaftsbereich, zu dem die Herzogtümer Steiermark, Kärnten und Krain sowie weitere Gebiete gehören.

Grundherrschaften und Schlösser in der Region

Vom Mittelalter bis zur Bauernbefreiung 1848 wird die Struktur des ländlichen Raums von weltlichen und geistlichen Grundherrschaften bestimmt. Sie verfügen über die land- und forstwirtschaftliche Flächen und geben diese an untertänige Bauern weiter. Weiters üben sie polizeiliche Gewalt aus, sprechen Recht und entscheiden über religiöse Angelegenheiten in ihrem Herrschaftsbereich.

Grundherren haben ihre dienst- und abgabenpflichtigen Untertanen aber auch zu schützen. Prachtvolle Herrschaftssitze, oftmals Schlösser, führen nachdrücklich vor Augen, wer Herr im und am Lande ist.

Ost- und Südoststeiermark:
ein Krisengebiet wird Wehrlandschaft

Die Zeit vom 15. bis in das frühe 18. Jahrhundert ist in der Ost- und Südoststeiermark durch anhaltende bewaffnete Überfälle und Auseinandersetzungen geprägt: Fehden und Aufstandsbewegungen führen zu Angriffen auf die Städte im Grenzraum, Streif- und Plünderungszüge aus grenznahen, osmanisch besetzten Gebieten und auch Einfälle von ungarischen Aufständischen versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken.

Ihr Vordringen ist im Raabtal leicht möglich, weil es dort kaum natürliche Hindernisse im Gelände gibt. So entstehen Wälle und Schanzen, befestigte Städte, Wehrkirchen und Tabore sowie Festungen und Zeughäuser, die der Verteidigung dienen.

Moderne Landnahme:
Industriegebiet am Beispiel Donawitz

Dieses Kapitel führt in die Zeit der Industrialisierung, die zu massiven Eingriffen in die Natur führt. Eindrucksvoll lässt sich dies an Donawitz nachzeichnen, wo im späten 19. Jahrhundert eine Produktionslandschaft mit Fabrikgebäuden und rauchenden Schloten in einem relativ schmalen Alpental entsteht. Um 1850 leben in Donawitz rund 240 Menschen. 50 Jahre später sind es 13.000.

Die Hütte Donawitz ist zum größten einheitlichen Stahlwerk des Kontinents geworden, durch ein dichtes Eisenbahnnetz mit dem europäischen (Wirtschafts-)Raum verbunden. Dieses rasante Wachstum hat auch Schattenseiten. Luftverschmutzung durch Rauchgas führt zu Waldsterben und Lungenkrankheiten. Sehnsüchtig blicken die Menschen auf die scheinbar noch unberührten obersteirischen Almen.

Die Modernisierung der Städte um 1900

Die Städte erfahren um 1900 einen Modernisierungsschub: In Graz schieben sich neue Gebäudetypen wie der Südbahnhof oder die Oper ins Stadtbild. Straßen werden asphaltiert und neue Brücken gebaut. Die Straßenbahnen fahren nun elektrisch. Im Jahr 1903 werden 28 Motorfahrzeuge gezählt. Auf der linken Murseite hingegen wachsen die Elendsquartiere der neuen proletarischen Unterschicht.

Auch in den Städten der Region gibt um 1900 planmäßige Stadterweiterungen, Infrastrukturprojekte und eine rege Bautätigkeit: Volks- und Bürgerschulen, Krankenhäuser und Heilstätten, Amtsgebäude und Bezirksgerichte sind gebaute Zeugnisse einer neuen Zeit. Elektrizitätswerke und Fabriken, Eisenbahnbrücken und Bahnhöfe, Kurbetriebe und Hotels erfüllen als funktionale Architekturen neue Aufgaben.

Die Neugestaltung der Oberfläche im 20. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert hat etwas Dampfwalzenartiges, im 20. Jahrhundert wird die Steiermark neu erfunden: Industrialisierung, Infrastrukturentwicklung, Wohnbau, zwei Weltkriege, neue Konsum- und Freizeitkulturen, Mobilität, Tourismus etc. sortieren die Landschaft neu. Erscheinung und Oberflächen werden nun bestimmt von Tunnelröhren und regulierten Flüsse, Kraftwerksbauten und Strommasten, Fabriken und Gewerbeparks, Autobahnknotenpunkten und Parkhäusern, Schul- und Einkaufszentren, Feuerwehrhäusern und Mehrzweckhallen, Bürotürmen und sozialem Wohnbau, Flugplätzen und Haltestellen etc.

Im 20. Jahrhundert verliert die Steiermark mit der Štajerska aber auch rund ein Drittel ihrer Fläche. Es kommt zur Abwertung und Aufwertung ganzer Regionen. Der Acker wird zur versiegelten Ebene, die Landstraße zur Autobahn, die Gebirgsgruppe zum Nationalpark.

Audioguide

was war. Historische Räume und Landschaften

how it was. Space and History

Avdio vodnik